Mittwoch, 20. September 2017

draußen



draußen
fensterwärts
im Viereck aus Grau
stemmen gewölbte Schirme sich gegen den Wind
die letzten gelben Blätter sprenkeln das regennasse Schwarz der Zweige

wie hast du geschlafen?
sags, bevor ich die Äpfel aufschneide
sags, bevor du zu weinen beginnst

über die spitzen Gesichter der Vögel rinnen die Tropfen
wie über deines
das Land dampft
die Tauben rasen durch ihr Revier
in meinem Innern das Echo

Samstag, 26. August 2017

Warnungen









Auf dem Hinweg Warnungen. Bäume knarzen. Die Blindschleiche am Weg züngelt. Ich verstehe nicht. Noch halten die Riemen der Sandalen mich am Boden. Mein Weg durch den Wald ist wie ein Band. Die Äste der Buchen schwingen im Wind. Ihre Blätter rascheln mir zu, mich zu lösen. Wurzeln klammern sich an Mutter Erde, dann wage ich es, mit dem Mut der Zweifelnden, und berühre mit nackten Sohlen den Strand. Die erste sich überschlagende Welle trägt mich fort.



Dienstag, 22. August 2017

abends am See








abends am See am Ufer

an der Hand Fingerkuppen atmen mit der Rinde der Kastanie ein und aus
alle, dann auch die Stirn

Sehnsucht galoppiert auf den hellen Hof des Monds
das Echo pflanzt sich fort an den Kraterwänden, ins All und weiter

achtungsvolle Verneigung vor den Kieseln, die ihre Muster im Dunkel verbergen
Dank an die Lichtgaben der Glühwürmchen im Schattenreich des Waldes
Angst vor der Ambosswolke am orangefarbenen Westhimmel

das letzte Mal
abends am See


©barbara biegel2017

Freitag, 4. August 2017

unter zwischen über bäumen







Ich sitze am alten Krankenhausgelände der Stadt.
Seit langer Zeit gruppieren sich Gebäude um einen Platz, den man als kleinen Park angelegt hat. Alte Linden, Kastanien mit riesigem Stammdurchmesser, elegante Schnurbäume, behängt mit langen Schoten, ein Tulpenbaum und ein relativ frisch gepflanzter Ginkgo sowie einige Obstbäume verteilen sich um weiße Metallbänke. Generationen junger Mütter haben hier gesessen, wann immer es möglich war, den geregelten Zeiten des Frauenklinikalltags zu entfliehen. Ein dunkelhäutiger Student kommt aus dem langgestreckten Flachbau und doppelt die Fremdheit, die ich in mir spüre. Blattwerk spiegelt sich in einer Fensterscheibe zu einer Figur, die mahnend die Hand hebt: Hör auf zu jammern, nimm dir ein Beispiel an den Falken. Laut rufend erheben sie sich und umkreisen ihren Lebensraum. Gib mir, gib mir, schreien die Jungvögel und verfolgen die Mutter, die ihnen zu verstehen gibt, dass Freiheit Arbeit ist. Das Rotschwänzchen hat das längst verstanden. Es lässt sich vom Falkenschatten auf dem Asphalt nicht beeindrucken, wippt kurz mit dem Schwanz und hüpft weiter von Schild zu Bank, zum Boden und wieder in die Höhe, um aufzupicken, was es von oben erspäht hat.
An den mit Säuglingsschreien gesättigten Mauern sind zahlreiche Gedenktafeln berühmter Männer angebracht, die als Kinder ihrer Zeit dazu beitrugen, die Seele vom Körper zu trennen. Von drei Seiten dringt das unaufhörliche Rauschen von Lüftungs- und Kühlungsgebläsen ans Ohr, obwohl Frauen- und Augenklinik seit wenigen Wochen in das neue Uniklinikum am Rand der Stadt umgezogen sind. Ich bin mit den Falken und den Tauben allein hier. Manchmal ertönt der schrille Ruf einer Amsel als Warnung vor dem Jäger. Ab und zu durchfährt ein Auto die Schranke an der Pforte. Die Geriatrie und die Strahlenabteilung sind als einzige noch in den Häusern verblieben.
Die Bäume leiden unter der Trockenheit der letzten Jahre wie meine Seele an der Wüste, auf die sie gestoßen ist. Mit lautem Rascheln lässt eine Linde mir ihren trockenen Ast direkt vor die Füße fallen. Mauersegler machen Flugübungen hoch über mir und treffen sich mit meiner Sehnsucht, die sich wünscht, aufzubrechen. Wolkenberge im Westen, schwüle Gewitterschwere, Grüße aus dem Anderswo.

Freitag, 28. Juli 2017

Kresse




Zwei Kapuzinerkressepflanzen streckten sich in einem runden Pflanzgefäß am Balkon zum Licht. Zuerst stellte die Geranie zwischen ihnen das Blühen ein. Sie ließ ihre drei dunkelroten Kugelblüten braun werden und abfallen. Daraufhin brachten die beiden Kressen eine Vielzahl lotosförmiger Blattteller an hohen Stängeln hervor, die mit ihren Spinnennetzen die Helligkeit einfingen. Die rechte Pflanze hatte von Anfang an Konkurrenz: Gleichzeitig war eine Winde gekeimt und wuchs gemeinsam mit ihr heran, im steten Versuch, sich an ihr festzuhalten und sich über sie zu erheben. Die Bedrängte setzte Blüten an. 


Helle lachsrote, sonnengelbe und feuerrote Trichter schrien ihre Hilferufe in alle Richtungen, während die linke Pflanze, ohne Knospen anzusetzen, an ihren winkeligen Blattgirlanden weiterarbeitete, ungestört und vielleicht auch ungerührt. 







Kaum hatte sich eine Blüte geöffnet, wurde ihr Hals von den Ausläufern der Schlingpflanze umklammert. Ein Kräftemessen begann, das der Kresse viel Substanz kostete, weshalb einige Blätter gelb wurden und abfielen.
Wie wird das Leben im Pflanzgefäß weitergehen?  
Wie lange kann die Früh-Erblühte sich noch halten? 
Wird die Schlingpflanze sie töten? 

Wird in der Erde genug Nahrung für die Zuspätkommende sein, um Blüten zu treiben? 
Wie schnell werden meine Erinnerungen an die Farben der Blüten erlöschen? 
Noch stehen die runden und die herzförmigen Blätter gleichberechtigt nebeneinander, aber schon zeigt die Spitze des Windenblatts durch das Fenster auf mich und beschuldigt mich, für alles verantwortlich zu sein.




Donnerstag, 27. Juli 2017

Freiheit



Ich sitze am alten Krankenhausgelände der Stadt.
Seit langer Zeit gruppieren sich Gebäude um einen Platz, den man als kleinen Park angelegt hat. Alte Linden, Kastanien mit riesigem Stammdurchmesser, elegante Schnurbäume, behängt mit langen Schoten, eine fein gefiederte Akazie und ein relativ frisch gepflanzter Ginkgo sowie einige Obstbäume verteilen sich um weiße Metallbänke. Generationen junger Mütter haben hier gesessen, wann immer es möglich war, den geregelten Zeiten des Frauenklinikalltags zu entfliehen. Ein dunkelhäutiger Student kommt aus dem langgestreckten Flachbau und doppelt die Fremdheit, die ich in mir spüre. Blattwerk spiegelt sich in einer Fensterscheibe zu einer Figur, die mahnend die Hand hebt: Hör auf zu jammern, nimm dir ein Beispiel an den Falken. Laut rufend erheben sie sich und umkreisen ihren Lebensraum. Gib mir, gib mir, schreien die Jungvögel und verfolgen die Mutter, die ihnen zu verstehen gibt, dass Freiheit Arbeit ist. Das Rotschwänzchen hat das längst verstanden. Es lässt sich vom Falkenschatten auf dem Asphalt nicht beeindrucken, wippt kurz mit dem Schwanz und hüpft weiter von Schild zu Bank, zum Boden und wieder in die Höhe, um aufzupicken, was es von oben erspäht hat.
An den mit Säuglingsschreien gesättigten Mauern sind zahlreiche Gedenktafeln berühmter Männer angebracht, die als Kinder ihrer Zeit dazu beitrugen, die Seele vom Körper zu trennen. Von drei Seiten dringt das unaufhörliche Rauschen von Lüftungs- und Kühlungsgebläsen ans Ohr, obwohl Frauen- und Augenklinik seit wenigen Wochen in das neue Uniklinikum am Rand der Stadt umgezogen sind. Ich bin mit den Falken und den Tauben allein hier. Manchmal ertönt der schrille Ruf einer Amsel als Warnung vor dem Jäger. Ab und zu durchfährt ein Auto die Schranke an der Pforte. Die Geriatrie und die Strahlenabteilung sind als einzige noch in den Häusern verblieben.
Die Bäume leiden unter der Trockenheit der letzten Jahre wie meine Seele an der Wüste, auf die sie gestoßen ist. Mit lautem Rascheln lässt eine Linde mir ihren trockenen Ast direkt vor die Füße fallen. Mauersegler machen Flugübungen hoch über mir und treffen sich mit meiner Sehnsucht, die sich wünscht, aufzubrechen. Wolkenberge im Westen, schwüle Gewitterschwere, Grüße aus dem Anderswo.